Stadtteil von Landsberg am Lech

Das Rätsel der St.-Wolfgangs-Kapelle

Wer heute Erpfting von Landsberg aus erreicht, passiert am östlichen Ortseingang, linker Hand, einen kleinen, umfriedeten Platz mit einem Gedenkstein aus dem Jahr 1863 (1). Hier stand bis zum Jahr 1804 die stattliche St.-Wolfgangs-Kapelle (1), (2).

Eine Kapelle für Wanderer und Gläubige

Stellen wir uns das Erpfting des späten Mittelalters vor. Das Dorf war ein wichtiger Knotenpunkt an der alten Poststraße, die den Süden mit Augsburg verband (3).

Genau an dieser verkehrsreichen Kreuzung wurde die Kapelle errichtet (4). Es war kein schlichter Feldstadel, sondern ein solider gotischer Backsteinbau mit festem Rippengewölbe im Chor (1), (4). Die Kapelle war dem heiligen Wolfgang geweiht, einem im 15. Jahrhundert höchst populären Heiligen, der unter anderem als Patron für das Vieh und für die Reisenden galt (4), (5).

Die Legende von der „eigentlichen“ Pfarrkirche

Seit Jahrhunderten hält sich an diesem Ort eine Überlieferung: Viele Erpftinger gingen davon aus, dass die St.-Wolfgangs-Kapelle ursprünglich die Pfarrkirche des Dorfes war (4), (6). Demnach wurde der Gottesdienst erst später in die heutige Michaelskirche im Ortszentrum verlegt (4). Der Gedenkstein von 1863 hat diese Vorstellung mit seiner Inschrift über lange Zeit gestützt (1), (4). Ob die Wolfgangskapelle tatsächlich die erste Kirche Erpftings war, ist jedoch fraglich.

 

Denkmahl der St.-Wolfgangs-Kapelle
Denkmahl der St.-Wolfgangs-Kapelle

Michaelskirche auf dem Kirchbühl

Das eigentliche Zentrum der Urpfarrei lag wahrscheinlich gar nicht an der Straße im Osten, sondern auf der Anhöhe westlich des Dorfes (4). Dort befindet sich der Flurbereich „Kirchbühl“, dessen Name bis heute darauf hindeutet, dass hier einst ein Gotteshaus stand (1), (4). Es war die ursprüngliche Michaelskirche, die abseits von Erpfting auf dem Berg stand – vielleicht sogar an der Stelle einer noch älteren, heidnischen Kultstätte (4). Die Wolfgangskapelle im Tal war vermutlich ein zusätzlicher Bau, der den Dorfbewohnern den mühsamen Gang auf den Berg für die täglichen Messen ersparen sollte (4).

Der große Umzug und das bittere Ende

Um das Jahr 1470 fiel schließlich die Entscheidung für einen radikalen Neuanfang: Die Pfarrkirche St. Michael wurde hinunter ins Dorf an ihren heutigen Platz verlagert (1), (2), (4). Die Jahreszahlen 1472 und 1479 am Chor der heutigen Kirche weisen darauf hin (4). Damit verlor die Wolfgangskapelle an Bedeutung. Über die Jahrhunderte wurde sie vernachlässigt, bis sie im Zuge der Säkularisation 1804 als „überflüssig“ eingestuft und dem Erdboden gleichgemacht wurde (1), (4). Nur der Gedenkstein erinnert  weiterhin an die verschwundene Kapelle (1), (4).

Quellen:

  1. Schober, J. Joh. (Hrsg.): Die Pfarrherren im Bezirke: Erpfting. In: Landsberger Geschichtsblätter für Stadt und Bezirk, 9. Jahrgang, Nr. 2, Landsberg 1910, S. 5–6. 
  2. Dellinger, Joachim: Das Pfarrdorf Erpfting. In: Oberbayerisches Archiv für vaterländische Geschichte, 12. Band, München 1851, S. 53–60. 
  3. Müller-Hahl, Bernhard: Ortsgeschichte Erpfting. Landsberg 1972, S. 50.
  4. Steichele, Anton von / Schröder, Alfred: Das Bistum Augsburg, 8. Band, Augsburg 1913, S. 171–174, 180. 
  5. Schober, J. Joh. (Hrsg.): St. Wolfgang. In: Landsberger Geschichtsblätter für Stadt und Bezirk, 1. Jahrgang, Nr. 12, Landsberg 1902, S. 68. 
  6. Läuterer, Oswald: Das Pfarrdorf Erpfting in den Zeiten nach dem 30jähr. Kriege. In: Landsberger Geschichtsblätter, 22. Jahrgang, Landsberg 1925, S. 34–35. 

 

 

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