Stadtteil von Landsberg am Lech

Erpftinger Geschichte

Erpftinger Pfarrkirche - Sonntag, 08.07.1945

Carla B. besucht den sonntäglichen Gottesdienst. Ein evangelischer Feldpfarrer hält einen schlichten Gottesdienst für die katholische Pfarrgemeinde in Erpfting.

Genau zwei Monate sind seit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht und dem Ende des 2. Weltkriegs in Europa vergangen.

Zahlreiche Flüchtlinge befinden sich in Erpfting und Umgebung. Darunter auch Carla B. Sie stammt aus Berlin.

London - Royal Opera House - Montag, 29.09.2025

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Zeitsprung – 80 Jahre später:

Isolde Thoma sitzt erwartungsvoll im  Zuschauerraum der Königlichen Oper von London und freut sich auf eine ganz besondere Vorstellung: Zur Aufführung kommt „Tosca“ von Giaccomo Puccini.

Programmheft zur Oper "Tosca" von Giaccomo Puccini in der Royal Opera London vom 11.09. bis 07.10.2025

Die Vorstellung hat noch nicht begonnen, sie blättert aufmerksam durch das Programmheft und stößt auf einen Aufsatz von Prof. Thomas Brodie aus Birmingham mit dem Titel “ Refuge Among the Ruins: Sacred Space and War“, zu deutsch „Zuflucht unter den Ruinen – Heiliger Raum und Krieg“. 

Heiliger Raum und Krieg - Die  Bedeutung der Kirche in schwierigen Zeiten

Der erste Akt der Oper Tosca spielt in einer römischen Kirche.

Brodie beschreibt in seinem Aufsatz, wie wichtig die Kirche für Menschen in schweren Zeiten ist.

Zerstörung von heiligen Räumen in Kriegszeiten führen zu einer Entwurzelung und einem Identitätsverlust der Menschen. 

Heilige Räume bieten den Menschen Zuflucht, Halt und Trost in schweren Zeiten. Musik kann Trost spenden und Emotionen freisetzen, wo Worte nicht mehr ausreichen. (1)

Im letzten Absatz seines Aufsatzes stolpert Isolde Thoma über das Wort „Erpfting“.

Wieso Erpfting, denkt sie? Wieso wird in dem Aufsatz von Brodie Erpfting erwähnt?

Im Programmheft zu einer Oper im Opernhaus London?

Isolde Thoma wird neugierig und nimmt Kontakt auf mit uns in Erpfting.

Wir machen uns auf die Suche nach den Hintergründen.

Und werden fündig im Deutschen Tagebucharchiv von Emmendingen.

Schlagen wir den Bogen: Von der Operninszenierung „Tosca“ vom 29.09.2025 in der Oper von London, über den Aufsatz von Prof. Brodie im Programmheft, weiter zu Carla B., die sich Mitte Juli 1945 in einem evangelischen Gottesdienst in der Erpftinger Pfarrkirche befindet.

Carla B. - Geflüchtet um zu Überleben

Carla B. verbringt die ersten 35 Jahre ihres Lebens in großbürgerlichen Verhältnissen in Potsdam bei Berlin und wird dort in den 1930er Jahren zur professionellen Fotografin ausgebildet. Als sie 28 Jahre alt ist, beginnt der 2.Weltkrieg.

Die Wirrungen der Kriegszeit verarbeitet sie, indem sie ihre Gedanken und Gefühle zu Papier bringt und Tagebuch schreibt.

Etwa zwei Monate vor Kriegsende - März 1945

Carla vermisst ihren Freund, der als Soldat seinen Wehrdienst verrichten muss. Sie erinnert sich dankbar an gemeinsame Stunden, „wenn wir auch alles verlieren, so sind wir trotzdem noch tausendmal reicher, als Millionen andere Menschen“.

Carla lebt in Bornstedt bei Potsdam, in der Nähe von Berlin, ganz in der Nähe von Schloss Sanssouci.

Die militärische Lage ist katastrophal: Die Russen rücken aus Osten immer näher, die Versorgungslage bricht ein und Berlin bereitet sich sichtbar auf den Endkampf vor.

Die Amerikaner und Engländer haben bereits den Rhein überquert. Sie schreibt:“ Nirgends mehr gibt es für die Deutsche einen sicheren Zufluchtsort. Ein zu Tode gehetztes Volk sind wir im Augenblick“. Berlin ist zu einem unsicheren Pflaster geworden.

Sie hat Angst um ihren Freund, um sein Leben. „Ein wüstes Gewirr von Gedanken lassen mich Tag und Nacht nicht mehr zur Ruhe kommen“
Sie hat Hunger und sitzt mit Handschuhen und Winterbekleidung, mit „leerem Kopf“ an der Schreibmaschine.

Ihre Familie fehlt ihr sehr – sie bangt um ihre Mutter in Bayern, ihren Vater und ihren Bruder, beide in Hamburg. Überall hört man Dröhnen und Lärm von Luftangriffen und Bombardierungen.

„Heute habe ich das Gefühl, es mit meinen Nerven nicht mehr zu schaffen.“

Bornstedt bei Potsdam - April 1945

Der aufkeimende Frühling gibt ihr Kraft und Mut: „Mit Macht treibt alles wieder zum Licht“ und sie empfindet, dass „Deutschland den größten Tiefpunkt erreicht hat und auch wieder zum Licht streben wird.“

Und dann wieder die niederschmetternden Tatsachen: Unzählige Menschen „ergießen sich wie eine unheilvolle Lawine über die Landstraße, Tag und Nacht im Freien, ohne Verpflegung, sind sie ihrem Schicksal überlassen und die meisten sterben an Hunger und Kälte!“

Endlich scheint eine Flucht für sie aus Berlin nach Bayern möglich, nach tagelangem, bangem Warten. Alles ist arrangiert, sie gibt ihre Wohnung auf.

Aber dann – in letzter Minute wieder – eine Absage, es ist kein Platz mehr verfügbar auf einem der LKW’s.

Ihre Unterkunft ist vergeben, sie ist vollkommen ohne Schutz, ohne Essen und mit vier schweren Koffern, ihrem ganzen Besitz, auf der Straße. „Und trotzdem lasse ich mich nicht unterkriegen…Irgendwie wird es schon weiter gehen.“

Sie findet ein neues Zimmer.

Dann am späten Abend des 14.04.1945: Das nahe Potsdam, das bisher fast vollständig erhalten geblieben war, wird von der britischen Luftwaffe 40 Minuten lang mit einem Bombenteppich überzogen und zerstört. Über 1500 Menschen sterben grauenvoll.

Carla bräuchte Trost, ihr Freund entäuscht sie, er meldet sich nicht. Telefon und Post funktionieren nicht mehr, sie kann ihre Familie nicht erreichen. Es herrscht “ Weltuntergangsstimmung“.

Angriff der Briten auf Potsdam  am 14.04.1945

Zwischen 22:16 Uhr und 22:58 Uhr griffen über 490 Bomber der britischen Royal Air Force die Stadt an – ein Bombardement von rund 40 bis 42 Minuten Dauer. In dieser kurzen Zeit wurden etwa 1.700 Tonnen Spreng- und Brandbomben abgeworfen, darunter tausende Stabbrandbomben, die einen flächendeckenden Feuersturm auslösten. Rund 80–85 % der historischen Innenstadt wurden zerstört, darunter große Teile der barocken Altstadt. Die Zahl der Todesopfer lag bei über 1.500 Menschen, viele davon Frauen, Kinder und ältere Menschen, die in Kellern oder brennenden Häusern ums Leben kamen. Der Angriff traf Potsdam nur wenige Wochen vor Kriegsende und gilt als eine der letzten großen Flächenzerstörungen einer deutschen Kulturstadt im Zweiten Weltkrieg.

 

Endlich Flucht aus Berlin - 16.04.1945

Die Russen bombardieren “ in fast pausenlosen Angriffen bis in den Osten Berlins…die Amerikaner den Süd-Westen Berlins… Das Leben ist ein Warten auf den Tod…untätig dazusitzen und sich immer wieder zu fragen, wann und wie wird der Tod kommen.“

Und dann doch – ein plötzlicher Weckruf eines nachts und die schnelle  Evakuierung – ein Lkw/PKW- Konvoi macht sich auf den Weg nach Bayern.

Überall Chaos: Wegen Tieffliegern wird nach Einbruch der Dunkelheit gefahren, „… wie vorsintflutliche Tiere oder sagenhafte Ungeheuer fahren sie (Anm.: die LKW’s) des nachts in endlosen Kolonnen dahin und verstopfen weithin die Landstraßen“.

Die gefährliche Fahrt führt vorbei am zerstörten Dresden, über Tschechien, den Bayrischen Wald.

Dabei immer wieder Umsteigen auf andere Fahrzeuge, endlose Kontrollen, Benzinknappheit und die Gefahr aus der Luft durch tieffliegende Bomber.

Sie erreichen München nachts: „Es ist wohl das Trostloseste, was ich an zerstörten Städten gesehen habe“.

Und weiter führt die Flucht über Landsberg nach Erpfting, ein „malerisches und idyllisches Dörfchen…ein Dorf, wie ich es mir reizender nicht denken kann.“

Zuflucht in Erpfting

Carla findet Unterschlupf im Haus Nr.7 in Erpfting bei Fam. Narzi. (2) 

„Über mein Zimmer war ich zuerst sehr erschrocken, denn soviel Primitivität konnte ich mir gar nicht vorstellen. Es war ein Vorraum zu zwei Zimmern an beiden Seiten und durch eine „Hühnerstiege“ zu erreichen, ohne Schrank, ohne Stuhl, ohne Tisch“.

Aber sie findet sich mit den Umständen gut zurecht, nicht zuletzt weil ihre „Wirtsleute herzensgute Menschen“ sind.

Die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniert – Fleisch, Corned Beef, Schmalz, Bohnenkaffee, Tee, Tabak, Zigaretten, Zucker, Reis, Nudeln, Marmelade, Kekse, sogar Vollmilchschokolade und Schweizer Käse werden in der Scheune beim Lehrer verteilt, alles aus dem Verpflegungsmagazin der Landsberger Kaserne. (3)

Aus der Molkerei  ergattert sie „ein halbes Pfund Butter und fast 14 Tage lang einen Liter Vollmilch am Tag“. Carla und andere Geflohene können den “ Reichtum nicht fassen, der da über uns gekommen war.“

Und dann aber wieder lautes Artilleriefeuer in aller Früh, ganz in der Nähe, Carla und die Herbergsfamilie suchen Zuflucht im primitiven Erdbunker der Wirtsleute.

Amerikaner und Alliierte - Einmarsch am 27./28.04.1945 in Landsberg und Erpfting

Dann am 27.04.1945, ein Tag vor dem Einmarsch der US-Armee, werden in Landsberg zwei Brücken gesprengt, um Landsberg zu verteidigen, ein sinnloses Unterfangen.(4)

Bereits gegen 7 Uhr morgens wird in Erpfting auf dem Kirchturm die weiße Fahne gehisst  „und rund um unser Dörfchen wurden weiße Fahnen aufgestellt, vor allen Dingen am Dorfeingang. Wir warteten nun auf die Amerikaner“.
Am nächsten Tag wird Erpfting an die Amerikaner übergeben. „Es ging alles vollkommen ruhig ab“.

Die Amerikaner benehmen sich dabei „äußerst korrekt“.

Sechs Wochen nach Kriegsende - 07.06.1945

Carla wohnt weiterhin bei Familie Narzi. Sechs Wochen sind seit Kriegsende vergangen.

Sie kann Erpfting noch nicht verlassen, es gibt keine Passierscheine mehr, bei Mißachtung droht Gefängnis- bzw. Geldstrafe.

Es fahren keine Bahnen, es gibt keine Post.

Sie sehnt sich nach ihrer Mutter, nur 100 km entfernt von ihr. „Trotzdem wir es alle sehr gut hier haben und die Bauern es uns durch ihre Freundlichkeit leichter machen, obgleich eine unvergleichlich schöne Natur hier um uns ist.“

Trotzdem ist sie erfüllt von Trauer und Verzweiflung.

Sie vermisst ihre geistige Arbeit, ist die körperliche nicht gewohnt. „Wir arbeiten körperlich so viel, wie wir nur irgend schaffen können“.

Evakuierung steht bevor - 12.07.1945

Und dann ist es endlich soweit.

Nach 10 langen Wochen die Erlösung. Das lange Warten hat ein Ende. „10 lange Wochen voller Aufregung, voller Erwartung, wann wir nach Hause kommen, voller Sehnsucht und Heimweh nach den Lieben, aber auch voller Freude, Ausruhen, Kameradschaft, Sorglosigkeit und Lachen.“

Trost in schweren Zeiten - Erpftinger Pfarrkirche
Orgel der Erpftinger Pfarrkirche

Ein letzter Gottesdienst in Erpfting, ein evangelischer, den ein evangelischer Feldpfarrer abhält. „In seiner ganzen Einfachheit und Schlichtheit – erschütternd.“

„Als die Orgel einsetzte, für diese kleine Dorfkirche eine tiefe vollklingende Orgel, war es mit meiner ganzen Fassung aus.

Alles, was ich an Gefühlen die ganzen Jahre zurückgedrängt habe, brach nun durch in diesem einen Vers: …in wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet!

War es nicht genau das, was ich in den letzten Wochen immer so sehr gespürt habe – war nicht immer ein gütiger Gott über mir….Ich lege mein Leben weiterhin in Gottes Hand und weiß, daß, wie er es auch lenkt, es richtig und gut für mich sein wird.

Ich weiß, daß es noch viel Schweres für mich haben wird und will versuchen, auch damit fertig zu werden und es mit der Haltung zu tragen versuchen, wie er sie von mir erwartet.“

Trost in schweren Zeiten – Carla B. fand ihn in der Erpftinger Pfarrkirche.

Im Deutschen Tagebucharchiv von Emmendingen wird Carla B. wie folgt beschrieben:

„Ein Fotoalbum vom Beginn des 20. Jahrhunderts verrät die Handschrift der professionellen Fotografin Carla B. (1910–2011), die in den 1930er Jahren am Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin ausgebildet wird.

Im Jahr 1999 übergibt sie dem Deutschen Tagebucharchiv 13 Tagebücher und schreibt:

„Als Besonderheit meines Lebens empfinde ich, dass ich nach 35 Jahren großbürgerlichen Lebens nach dem Krieg arm wie eine Kirchenmaus war. Ich war völlig allein und in diesen harten Jahren, in denen ich gefordert wurde und das Überleben allein von mir abhing, wurde ich ein zufriedener und glücklicher Mensch.“ (5)

Carla B. starb im Alter von 101 Jahren im Jahr 2011.

Anmerkungen und Quellen: 

  • zu (1): Programmheft der Royal Opera zu „Tosca“, Inszenierung vom 11.09. bis 07.10.2025; Autor: Thomas Brodie;  Beitrag: „Refuge Among the Ruins –  Sacred Space and War“; S.52 bis 56;
  • zu (2): Rudolf Narzi erinnert sich: Im Haus Nr. 7 im Narzigässchen wohnte er mit seinem Bruder Johann, seiner Mutter Hildegard Narzi, sowie Sophie Narzi, der Großmutter; er war zu dieser Zeit 6 Jahre alt.
  • zu (3): Rudolf Narzi erinnert sich: Die Verteilung der vielen Lebensmittel aus der Saarburgkaserne in Landsberg erfolgte in der Nähe des Elternhauses, heute Nordstraße.
  • zu (4): Flyer „Ende und Anfang – Landsberg 1945“
  • zu (5): Alle zitierten Stellen stammen aus dem Tagebuch von C. Böhm, Tagebuch März bis Juli 1945, Signatur-Nr. 65-1, Reg.-Nr. 56-1, Teil 1,  DTA-Transkription,  Deutsches Tagebucharchiv Emmendingen (DTA)

Danksagung: 

  • Vielen Dank an Isolde Thoma, aufgewachsen in Scheuring, die die Idee zu dieser Nachforschung hatte
  • Vielen Dank an Prof. Dr. Thomas Brodie, Assistenzprofessor für europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Birmingham, für die freundliche Unterstützung
  • Vielen Dank an Elisa für das Besorgen des Programmheftes in der Royal Opera in London

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